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Mich dünkt, es muß bei der See das überwältigendste Gefühl - das der eigenen Nichtigkeit sein, nämlich bei dem Ewigen, Unwandelbaren, erhaben Gleichgültigen des Meeres. ...Dort ist der Feind. Sie Staunen ? Freilich ist es der Feind - der menschlichen Eitelkeit, die sich sonst als etwas dünkt und so plötzlich in nichts zusammenbricht. Ähnlich wirkt übrigens eine Weltauffassung, bei der es von allen Begebenheiten heißt wie bei Ben Akiba: "Es war immer so", Es wird schon von selber gehen" und dgl., und der Mensch mit seinem Wollen, Können, Wissen so überflüssig erscheint ... Deshalb hasse ich eine solche Philosophie, ..., und bleibe dabei, daß man sich lieber in den Rheinfall stürzen und in ihm wie eine Nußschale untergehen muß, als ihn mit weisem Kopfnicken weiterrauschen zu lassen, wie er zu unserer Urväter Zeiten gerauscht und nach uns rauschen wird - Gesammelte Briefe Band 1 Dietz Verlag Berlin 1984 S.494/495 Rosa Luxemburg geboren am 5. März 1871.
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Rosa Luxemburg wird am 5. März 1871 in der Kleinstadt Zamość im russisch besetzten Polen als Tochter eines Holzhändlers geboren. Ihre Schulbildung erhält sie in Warschau. Von 1880 bis 1887 besucht sie dort das Gymnasium mit ausgezeichneten Leistungen in einer Umgebung, die eigentlich den Töchtern der russischen Beamten vorbehalten war. Sie lernt vier Sprachen perfekt, entwickelt früh ihre Lust am gesprochenen und geschriebenen Wort und – wird für linke polnische Gruppierungen politisch aktiv. 1889 droht ihr wegen dieser Aktivitäten Verhaftung, und sie flieht über Deutschland in die Schweiz. An der Universität in Zürich –einer der wenigen höheren Bildungsstätten, zu denen Frauen gleichberechtigten Zugang haben – studiert sie zunächst Naturwissenschaften, dann Staatswissenschaften und Nationalökonomie. 1897 erwirbt sie den Doktorgrad – bestaunt und bewundert als einzige Frau zwischen Söhnen von Gutsherren, Fabrikbesitzern und Staatsverwaltern. Sie hat eine enge, spannungsreiche Liebesbeziehung mit dem polnischen Revolutionär Leo Jogiches.
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1893 wird Rosa Luxemburg Mitbegründerin einer Partei: der »Sozialdemokratie des Königreiches Polen« (SDKP), die sich 1900 in Sozialdemokratie des Königreiches Polen und Litauen (SDKPiL) umbenennen wird. Im August des gleichen Jahres – gerade 22 Jahre alt – hat sie ihren ersten großen Auftritt in der internationalen Arbeiterbewegung. Auf dem III. Internationalen Sozialistischen Arbeiterkongress in Zürich kämpft sie mit einer mutigen Rede um ein Mandat für sich und ihre junge Partei. Das wird ihr zu diesem Zeitpunkt noch verweigert. 1898 siedelt Rosa Luxemburg nach Deutschland über. Eine Scheinehe verschafft ihr die deutsche Staatsbürgerschaft. Fortan ficht sie für die deutsche Sozialdemokratie auf Parteitagen, internationalen Kongressen und mit ihrer publizistischen Tätigkeit. Auf dem Internationalen Sozialistenkongress 1900 begründet sie die Notwendigkeit internationaler Aktionen gegen Imperialismus, Militarismus und Kolonialpolitik. Von 1904 bis 1914 vertritt sie die SDKPiL im Internationalen Sozialistischen Büro (ISB). Von Ende Dezember 1905 bis März 1906 nimmt sie im russisch besetzten Polen an der Revolution teil, wird verhaftet und im Juni 1906 gegen Kaution freigelassen. Aus den Erfahrungen der russischen Revolution 1905–1907 zieht sie in Berlin Schlussfolgerungen für die deutsche Arbeiterklasse, verteidigt den politischen Massenstreik als revolutionäres Kampfmittel und profiliert sich als Führerin der linken Strömung in der deutschen Sozialdemokratie.
13.März 1906 Warschau “Meine Allerliebsten !
Am Sonntag, dem 4., abends hat mich das Schicksal ereilt.: Ich bin verhaftet worden. ... Hier sitze ich im Rathaus, wo "Politische", Gemeine und Geisteskranke zusammengepfercht sind. Meine Zelle, die ein Kleinod in dieser Garnitur ist (eine gewöhnliche Einzelzelle für eine Person in normalen Zeiten), enthält vierzehn Gäste, zum Glück lauter Politische. Tür an Tür mit uns noch zwei große Doppelzellen, in jeder ca. dreißig Personen, alle durcheinander. Dies sind schon, wie man mir erzählt, paradiesische Zustände; früher saßen sechzig zusammen in einer Zelle und schliefen schichtweise je paar Stunden in der Nacht, während die anderen "spazierten". Jetzt schlafen wir alle wie Könige auf Bretterlagern, querüber, nebeneinander wie Heringe, und es geht ganz gut - insofern nicht eine Extramusik hinzukommt wie gestern z. B., wo wir eine neue Kollegin, eine tobsüchtige Jüdin, bekommen hatten, die uns vierundzwanzig Stunden lang mit ihren Geschrei und ihrem Laufen in allen Zellen in Atem hielt und eine Reihe Politische zum Weinkrampf brachte. Heute sind wir sie endlich los und haben nur drei ruhige "Myschuggene" bei uns. Spaziergänge in den Hof kennt man hier überhaupt nicht, dafür sind die Zellen tagsüber offen, und man darf den ganzen Tag im Korridor spazieren, um sich unter den Prostituierten zu tummeln, ihre schönen Liedchen und Sprüche zu hören und die Düfte aus dem gleichfalls breit offenen 00 zu genießen. Dies alles jedoch nur zur Charakteristik der Verhältnisse, nicht meiner Stimmung, die wie immer vorzüglich ist. Vorläufig bin ich verschleiert, doch wird` s wohl nicht lange halten, man glaubt mir nicht. Die Sache im ganzen ist ernst, doch leben wir ja in bewegten Zeiten, wo "alles, was besteht, wert ist, zugrunde zu gehen", daher glaube ich überhaupt an keine langfristigen Wechsel und Obligationen. “ Gesammelte Briefe Band 2 Dietz Verlag Berlin 1984 S.249/250 Warschau vor dem 23.April 1906 “... Aber ein "sitzender" Mensch wird leider nicht bloß von der Obrigkeit, sondern auch von den eigenen Freunden sofort entmündigt und ohne jede Rücksicht auf seine Neigungen behandelt. Ich bitte Dich jedenfalls, liebster Karolus, dringend, daß man sich nicht etwa an Bülow wendet; in keinem Fall möchte ich ihm irgend etwas verdanken, denn ich könnte nachher nicht mehr in der Agitation über ihn und die Regierung frei reden, wie sich`s gehört ... . Gesammelte Briefe Band 2 Dietz Verlag Berlin 1984 S.254
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1907 entwickelt sie auf dem Internationalen Sozialistenkongress gemeinsam mit Lenin und Martow ein
Antikriegsprogramm der internationalen Arbeiterbewegung. Von 1907 bis 1914 arbeitet sie als Lehrerin an der sozialdemokratischen Parteischule in Berlin. Im Frühjahr 1914 wird sie wegen ihrer Antikriegsreden zu Gefängnishaft verurteilt. Paul Levi ist ihr Prozessverteidiger. 1915 verfasst sie unter dem Pseudonym »Junius« eine Schrift gegen den seit dem 1. August 1914 tobenden Weltkrieg – die berühmt gewordene »Junius-Broschüre«. Ende 1915 schließt sie sich mit Karl Liebknecht und anderen Kriegsgegnern in der Sozialdemokratie zur Gruppe »Internationale« zusammen, aus der 1916 die Spartakusgruppe hervorgeht.
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Von Juli 1916 bis November 1918 ist Rosa Luxemburg in Berlin, Wronke und Breslau inhaftiert. 1917 unterstützt sie mit Artikeln vom Gefängnis aus die Februar- und die Oktoberrevolution in Russland. Am 9. November 1918 aus der Haft entlassen, engagiert sie sich mit ganzer Kraft in der Novemberrevolution. Gemeinsam mit Karl Liebknecht gibt sie die »Rote Fahne« heraus, arbeitet für einen umfassenden gesellschaftlichen Umbruch und gehört an der Jahreswende 1918/1919 zu den Gründern der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Am 15. Januar 1919 werden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht von Offizieren und Soldaten konterrevolutionärer Reichswehreinheiten in Berlin ermordet. Text - Biografie Rosa Luxemburgstiftung
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Der Imperialismus“ ... der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus.“ (Die Akkumulation des Kapitals Rosa Luxemburg Gesammelte Werke Dietz Verlag Berlin 1985 Band 5S.391) „ Die kapitalistische Produktion ist als echte Massenproduktion auf Abnehmer aus der bäuerlichen und Handwerkskreisen der alten Länder sowie auf Konsumenten aller anderen Länder angewiesen, während sie ihrerseits ohne Erzeugnisse dieser Schichten und Länder (sei es als Produktions-, sei es als Lebensmittel) technisch gar nicht auskommen kann. So musste sich von Anfang an zwischen der kapitalistischen Produktion und ihrem nichtkapitalistischen Milieu ein Austauschverhältnis entwickeln, bei dem das Kapital sowohl die Möglichkeit fand, den eigenen Mehrwert für Zwecke weiterer Kapitalisierung in blankes Gold zu realisieren, als sich mit allerlei Waren zur Ausdehnung der eigenen Produktion zu versehen, endlich durch Zersetzung jener nichtkapitalistischen Produktionsformen immer neuen Zuzug an proletarischen Arbeitskräften zu gewinnen.“(„Die Akkumulation des Kapitals oder was die Epigonen aus der Marxschen Theorie gemacht haben. Eine Antikritik Rosa Luxemburg Gesammelte Werke Dietz Verlag Berlin 1985 Band 5 S.429)
Werke Rosa Luxemburg
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„”...Das jüngste „Krächle“in der Partei macht mich lachen... O über die welterschütternden Ereignisse zwischen Lindenstraße und Engelufer, die eine Strum entfesseln! Wie nimmt sich doch dergleichen „Sturm“ aus von hier gesehen! ... Hier ist die Zeit, in der wir leben, herrlich, d.h. ich nenne herrlich eine Zeit, die massenhaft Probleme und gewaltige Probleme aufwirft, die Gedanken anspornt, „ Kritik, Ironie und tiefere Bedeutung „ anregt, Leidenschaften aufpeitscht und vor allem – eine fruchtbare, schwangere Zeit ist, die stündlich gebiert und aus jeder Geburt noch „schwangerer“ hervorgeht, dabei nicht tote Mäuse gebiert oder gar krepierte Mücken, wie in Berlin, sondern lauter Riesendinge...
Die Revolution ist großartig, alles andere ist Quark!“
Gesammelte Briefe Band 2 Dietz Verlag Berlin 1984 S. 259
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An MATHILDE WURM Von Rosa Luxemburg
Wronke, 28. Dezember 1916
Meine liebe Tilde!
Ich will Deinen Weihnachtsbrief gleich beantworten, solange ich noch in dem frischen Zorn bin, den er in mir erregt hat. Ja, Dein Brief hat mich fuchsteufelswild gemacht, weil er mir, so kurz er ist, in jeder Zeile zeigt, wie sehr Du wieder ganz im Bann Deines Milieus *1 stehst. Dieser heulmeierische Ton, dieses Ach und Weh über die »Enttäuschungen«, die Ihr erlebt habt - angeblich an anderen, statt nur selbst in den Spiegel zu blicken, um der Menschheit ganzen Jammer in treffendstem Konterfei zu erblicken! Und »wir« bedeutet jetzt in Deinem Munde Deine sumpfige Froschgesellschaft, während es Dir früher, wenn Du mit mir zusammen warst, meine Gesellschaft bedeutete. Dann wart, ich werde Dich per» Ihr« behandeln.
Ihr seid mir »zu wenig draufgeherisch", meinst Du melancholisch. »Zu wenig« ist gut! Ihr seid überhaupt nicht »geherisch«, sondern »kriecherisch«. Es ist nicht ein Unterschied des Grades, sondern der Wesenheit. »Ihr« seid überhaupt eine andere zoologische Gattung als ich, und nie war mir Euer griesgrämiges, sauertöpfisches, feiges und halbes Wesen so fremd, so verhaßt wie jetzt. Das »Draufgängertum« würde Euch schon passen, meinst Du, bloß wird man dafür ins Loch gesteckt und »nutzt dann wenig«. Ach, Ihr elende Kleinkrämerseelen, die Ihr bereit wäret, auch ein bißchen »Heldentum« feilzubieten, aber nur »gegen bar«, und sei es um verschimmelte drei Kupferpfennige, aber man soll gleich einen »Nutzen« auf dem Ladentisch sehen. Und das einfache Wort des ehrlichen und geraden Menschen: »Hier steh' ich, ich kann nicht anders, Gott helf mir«, ist für Euch nicht gesprochen. Ein Glück, daß die bisherige Weltgeschichte nicht von Euresgleichen gemacht war, sonst hätten wir keine Reformation und säßen wohl noch im Ancien regime. Was mich anbelangt, so bin ich in der letzten Zeit, wenn ich schon nie weich war, hart geworden wie geschliffener Stahl und werde nunmehr weder politisch noch im persönlichen Umgang auch die geringste Konzession machen. Wenn ich mich nur an die Galerie Deiner Helden erinnere, so ergreift mich der Katzenjammer: der süße Haase, der Dittmann mit dem schönen Bart und den schönen Reichstagsreden, der schwankende Hirte Kautsky, dem Dein Emmo 187 natürlich treu'durch alle Höhen und Tiefen folgt, der herrliche Arthur [Stadthagen] - ah, je n'en finira! *2 Ich schwöre Dir: Lieber sitze ich jahrelang - ich sage nicht hier, wo ich's nach allem wie im Himmelreich habe, sondern lieber in der Spelunke am Alexanderplatzl89, wo ich in der 11 m3 großen Zelle, morgens und abends ohne Licht, eingeklemmt zwischen das C (aber ohne W) und die eiserne Pritsche, meinen Mörike deklamierte, als mit Euren Helden zusammen, mit Verlaub zu sagen, [zu] »kämpfen« oder überhaupt zu tun haben! Dann schon lieber Graf Westarp - und nicht deshalb, weil er von meinen »mandelförmigen Samtaugen« im Reichstag redete, sondern weil er ein Mann ist. Ich sage Dir, sobald ich wieder die Nase hinausstecken kann, werde ich Eure Froschgesellschaft jagen und hetzen mit Trompetenschall, Peitschengeknall und Bluthunden - wie Penthesilea, wollte ich sagen, aber Ihr seid bei Gott keine Achilleus. Hast Du jetzt genug zum Neujahrsgruß? Dann sieh, daß Du Mensch bleibst. Mensch sein ist vor allem die Hauptsache. Und das heißt: fest und klar und heiter sein, ja, heiter trotz alledem und alledem, denn das Heulen ist Geschäft der Schwäche. Mensch sein, heißt sein ganzes Leben »auf des Schicksals große Waage« freudig hinwerfen, wenn's sein muß, sich zugleich aber an jedem hellen Tag und jeder schönen Wolke freuen, ach, ich weiß keine Rezepte zu schreiben, wie man Mensch sein soll, ich weiß nur, wie man's ist, und Du wußtest es auch immer, wenn wir einige Stunden zusammen im Südender Feld spazierengingen und auf dem Getreide roter Abendschein lag. Die Welt ist so schön bei allem Graus und wäre noch schöner, wenn es keine Schwächlinge und Feiglinge auf ihr gäbe. Komm, Du kriegst doch noch einen Kuß, weil Du doch ein ehrlicher kleiner Kerl bist. Prosit Neujahr!
Rosa Luxemburg aus dem Knast in Wronke
*1 Rosa Luxemburg meint die zentristische Opposition in der deutschen Sozialdemokratie.
*2 Ich finde kein Ende
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